Sonntag, 12. Februar 2017

Torsten Sträter. Oder: Ode an ein Unterhemd

Wenn das mit Blut, Öl und Schweiß getränkte Feinrippunterhemd von Bruce Willis sprechen könnte, es hätte die Stimme von Torsten Sträter. Es ist diese tiefe Klangfarbe, die sich anfühlt wie geschmolzener Käse, auf dem sich im Ofen bereits eine hauchzarte Kruste gebildet hat… aber ich schweife ab.
Tatsache ist: Torsten Sträter ist mein Idol!
Das meine ich ernst!
Als ich das erste Mal von ihm gehört bzw. gelesen habe stand für mich fest: „Ich will so sein wie der!“
Ok, ... also kein bärtiger Mann mit Mütze und Schilddrüsenproblemen. Ich meinte damit eigentlich die Eloquenz, mit der er mich mit seinen Texten immer wieder fesselt.
Der Typ hat es einfach drauf und schafft es trotzdem, nicht jene, überhebliche Art an den Tag zu legen, wie mancher Poetry Slammer, der einem zuweilen die exotischsten Satzpartikel an den Kopf ballert, die meine Omma selbst als Kreuzworträtselprofi nicht gekannt hätte.
Mein Blog klingt gegen Sträter wie ein Teletubby, der verzweifelt versucht zu erklären, dass er jetzt gerne Erdbeerpudding essen möchte.
 
Hat der da ein Herzchen draufgemalt?!?! EIN H.E.R.Z.C.H.E.N?!?  Awwwww!

 
Gestern Abend durfte ich Sträter zum allerersten Mal Live erleben und es war, um es in meinen Worten auszudrücken, MEGA GEIL! Ich bin froh, dass ich einen gut trainierten Beckenbodenmuskel habe, sonst hätte der ein oder andere Lachanfall ein Malheur ausgelöst, von dem die Putzfrau der Veranstaltungsstätte in Wermelskirchen noch lange berichtet hätte.
 
 
Bester Spruch des Abends (dabei kann ich mir sonst nie sowas merken). Zitat:
 
"Sie wohnen ja schön ländlich hier. Als ich am Ortseingangsschild vorbei gekommen bin stand da Pferdeboxen. ... ... Und ich find doch Hundekämpfe schon schlimm."
 
- Torsten Sträter-
 
Nach dem Auftritt kommt es dann zu meinem ersten Zusammentreffen mit dem Meister.
Es ist der Moment, in dem ich so viel sagen will, in dem ich ihm vor die Füße fallen und Lobeshymnen rezitieren möchte, die nicht annähernd beschreiben können wie genial ich ihn finde.
Aber auf mein Selbstbewusstsein ist wie immer Verlass...
Als ich vor ihm stehe schrumpft mein Sprachschatz auf den eines Einjährigen zusammen und ich bin froh, dass ich wenigstens meinen Namen zustande bekomme.
Egal!
Er hat mein Buch signiert, ich habe die gleiche Luft geatmet (was dann irgendwie doch etwas seltsam klingt, insbesondere wenn selbiger Held zuvor einen sehr langen Vortrag über Flatulenzen gehalten hat) und ich habe mich nicht vollkommen blamiert. Glaube ich zumindest.
 
In diesem Sinne
Stay Professional
Der bemützte Mann vor mir muss grad was unfassbar lustiges gesagt haben. Vermutlich hat er mich einfach nur nach meinem Namen gefragt.. ich erinnere mich an nichts mehr.
 

Sonntag, 5. Februar 2017

Greenhorn. Oder: Warum das hier kein Hair Tutorial wird.

05.02.2017

Es gibt Dinge, die sollte man einfach nicht tun.
Dazu gehören unter anderem:
Kochendes Wasser trinken, mit 150 Km/h vor eine Betonwand fahren oder aber mit einer Gabel in einer Steckdose herumporkeln.
Das kann man machen, man sollte sich aber nicht wundern, wenn es einem danach körperlich nicht ganz so gut geht.
Ich bin da ja eher der Skeptiker.
Was, wenn das alles nur fantastische Horrorszenarien der Lügenpresse sind?
Was wenn es gar nicht so schlimm ist?
Jene Art von Skepsis, gepaart mit einem Schuss Abenteuerlust, hat schon in meiner Kindheit dazu geführt, dass die Herdplatte erst dann als tatsächlich heiß anerkannt wurde, wenn die Haut der Handinnenfläche daran kleben geblieben ist. Da konnte Mutter vorher noch so viel predigen.
Ähnliche Neugier verleitete mich in meiner Jugend im Übrigen auch dazu diverse Elektrogeräte genauer unter die Lupe zu nehmen.
Wie konnte es sein, dass aus einem Walkman Musik kam? Wie funktionierte das?
Mein Physiklehrer hätte mir noch tagelang die besten Folgen der Knoff Hoff Show vorführen können. Meine Meinung war: Joachim Bublath lügt und ich glaube es erst, wenn ich es mit meinen eigenen Augen gesehen hatte.
Also wurde das gute, alte, mobile Kassettenabspielgerät schneller in alle Einzelteile zerlegt als meine Eltern mir den Hintern hätten versohlen können.
Doch diese Art der Strafe war gar nicht nötig, saß ich doch am Ende vor einem Schrauben- und Platinenhaufen, gegen den die Einzelteile einer Ikea Kommode wie eine gut sortierte Bibliothek wirkten. Niemand konnte das Ding wieder zusammensetzen. Nicht mal der Radio- und Fernsehtechniker.
 
Aber aus Fehlern lernt man… Sollte man meinen.
Man sollte auch meinen, dass ich inzwischen eine erwachsene Frau bin. Tief im Herzen bin ich aber immer noch das zwölfjährige Mädchen, das dem Papa Sekundenkleber auf die nagelneue Schreibmaschine geschmiert hat um zu testen ob seine Finger daran klebenbleiben (aber das ist eine andere Geschichte).
So kam es also, dass ich eines Morgens im Badezimmer stand und mir dachte: "Was passiert eigentlich, wenn ich mir diese quietschblaue Farbe in meine frisch blondierten Haare schmiere?" Nun was soll ich sagen. Es sah tatsächlich ganz gut aus. Für die ersten drei Sekunden in denen die Farbe meine Haare touchierte. Dann mutierte das Blau plötzlich zu einem Chemieunfall-Grün und mein Gehirn, dass nur wenige Zentimeter unter dem Haaransatz plötzlich befürchtete bleibende Schäden zu erleiden, stieß eine letzte Warnung aus. Ich gehorchte. Bevor die Haarfarbe sich überhaupt richtig verteilt hatte, wurde sie schon wieder abgespült. Ob ihr es glaubt oder nicht, das Resultat sah eigentlich ganz gut aus!
Ehrlich!
Ein pastelliger Ton schmückte meinen Haaransatz, eigentlich genau das was ich mir erhofft hatte. Dummerweise erstreckte sich dieser Farbton nur über Teile meines Haupthaars, da ich die restlichen Strähnen vor Schreck gar nicht erst eingefärbt hatte.
Ich hatte nun also einen pastellblau-grün-gefleckten Leopardenkopf.
Nach fünf Haarwäschen und keinerlei Veränderung wurde mir bewusst, dass diese Idee mit den bunten Haaren irgendwie doch nicht die beste war.
Aber was nun? Selber daran weiter fummeln oder doch lieber jemanden kontaktieren, der sich damit auskennt.
Ich entschied mich für die zweite Variante… und machte damit einen kleinen Chemieunfall zu einer nuklearen Katastrophe.
Das zwölfjährige Mädchen in mir wurde trotzig und der falsche Stolz ließ  nicht zu, dass ich zu meiner Stammfriseurin ging.
Was sollte die denn von mir denken?
Nein, einfach heimlich woanders hin, dann fällt das nach drei Wochen bestimmt gar nicht mehr auf. … Dachte ich.
 
Im Ausweichsalon sah man mich an als hätte ich zu viele bewusstseinserweiternde Substanzen zu mir genommen. Dabei fand ich die Farbe ansich doch eigentlich richtig cool! Ich wollte sie nur gleichmäßig auf meinem Kopf verteilt haben.
Das schien für die Mitarbeiter dort aber ein Ding der Unmöglichkeit. Mir wurde ein zweistündiger Vortrag gehalten wie blöd ich doch war und dass diese spezielle Farbe, nie wieder raus zu bekommen sei.
Alternative wäre: Haare dunkel färben oder „wat knalliges drüber“.
Das war die falsche Aussage, denn wer mich kennt der weiß: Bei bunt und knallig leuchten glitzernde Herzchen in meinen Augen.
 
„Pass auf, isch tu dir da blaue Strähnschen drauf machen“, sagt die Dame im Ausweichsalon und dann nimmt das Unglück seinen Lauf. Während ich in meiner Fantasie noch von wellig, blauem, Prinzessinnen-Mermaid Hair träume, färbt sie etwas auf meinen Kopf, das mein Leben auf eine drastische Art verändern sollte.
Im ersten Moment sieht es sogar noch ganz nett aus, doch als ich ans Tageslicht trete, scheint es als hätte man mich in eine Parallelwelt gebeamt.
Irgendetwas ist anders. Meine Mitmenschen verhalten sich ...seltsam.
Ich wechsle wirklich ständig meine Haarfarbe und habe schon die verrücktesten Farbkombinationen ausprobiert, aber noch nie, NOCH NIE (!) sah ich aus wie ein Schalke 04 Streifenhörnchen auf einem LSD Trip!
Darauf kommt mein Umfeld irgendwie gar nicht klar. Es sind lächerliche zwei Minuten, die ich vom Friseursalon bis zur nächsten Bäckerei brauche.
Zwei Minuten in denen ich ein letztes Mal das Gefühl habe, irgendwie cool aus zu sehen.
Es ist der Moment als die Bäckereifachverkäuferin aufblickt und vor Schreck fast kopfüber in die Teilchenauslage fällt.
„Ach du Scheiße! Sind das ihre echten Haare?“
In meinem Herz zerbricht irgendetwas, aber ich schlage mich wacker. Ich wollte es bunt, also stehe ich auch dazu. 
Wenn man die alternativen Fakten betrachtet, sieht das hier wunderschön aus! :-)



Doch die Blicke meiner Mitmenschen werden plötzlich wie von einem viel zu starken Magneten angezogen.
Sie blenden alles, was mich ausmacht aus.
Sie übersehen mein freundliches Lächeln, überhören wie ich sie begrüße.
Sie nehmen nur noch das grünblaue Desaster auf meinem Kopf war.
Und ihre Blicke spiegeln etwas wieder, dass ich so noch nie so intensiv am eigenen Leib zu spüren bekommen habe.
Verwunderung, Entsetzen, … Abschaum.
Das Einzige was sich an mir verändert hat ist meine Haarfarbe und doch scheine ich plötzlich jemand ganz anderes zu sein.
Ich bin eine verwirrte Frau, die auf einmal nicht mehr ernst genommen wird.
Ich bin eine Person, die irgendetwas Zwielichtiges im Schilde zu führen scheint.
Ich bin ein Mensch den man nicht mehr ernst nehmen muss.
Ich bin der Teil der Gesellschaft, den man ab jetzt respektlos behandeln kann.
 
In den darauf folgenden Tagen passieren seltsame Dinge.
Im Restaurant werde ich als letztes bedient. Während der Kellner sich höflich mit meiner Begleitung unterhält werde ich nur sporadisch angesprochen. Es scheint fast so als hätte man Angst, dass ich irgendeine ansteckende Krankheit habe.
Die Kassierer/innen im Supermarkt lächeln mich nicht mehr an. Betrete ich ein Geschäft drehen sich Leute ungeniert nach mir um und glotzen mich an wie Rehe, die nachts im Scheinwerferlicht eines Autos auftauchen.
Doch ich will das jetzt durchziehen. Verdammt es sind meine Haare und niemand hat mir vorzuschreiben wie ich rumlaufen soll. Leben und Leben lassen. So schwer kann das doch nicht sein?
Aber es ist schwer.
Jeden Tag potenziert sich die Anzahl der abwertenden Blicke.
Sie reiben über meine Haut, wie grobkörniges Schleifpapier. Anfangs halte ich es noch aus, aber nach ein paar Tagen entzündet sich diese Haut. Die Blicke beginnen zu schmerzen, sie reißen plötzlich Wunden auf und gönnen mir keine Erholung um diese wieder gesund zu pflegen.
Minütlich werde ich konfrontiert von Leuten, deren Gesicht offen wiederspiegelt was sie von mir halten und welche Meinung sie sich gerade von mir bilden. Verschwindend gering ist die Anzahl der Menschen, die mir einfach offen sagen, dass sie es scheiße finden, danach aber weiterhin normal mit mir umgehen. Das ist ok! Damit kann ich leben. Meine Güte, es sind schließlich grüne Haare. Natürlich findet die nicht jeder toll.
Und da wird mir plötzlich bewusst, was ich gerade tatsächlich erlebe.
Ich habe nur grüne Haare, aber wie fühlen sich diese bewertenden Blicke erst an für jemanden, den die Gesellschaft aufgrund seines Gewichtes nicht anerkennt?
Wie fühlt es sich erst an für jemanden, der wegen seiner Hautfarbe, Herkunft oder Religion sofort als gefährlich eingestuft wird?
Wie fühlt es sich erst an für jemanden, der wegen einer Behinderung als lästig oder störend empfunden wird?
Und ich? Ich habe lediglich grüne Haare und gebe bereits nach wenigen Tagen auf.
Das Selbstbewusstsein immer und immer wieder beleben zu müssen, wenn es erneut von einem Vorurteil niedergeknüppelt wurde, ist verdammt anstrengend.
Wie ein geschlagener Hund beichte ich meiner Friseurin das Malheur.
Innerlich bereite ich mich bereits auf einen Kurzhaarschnitt vor, aber sie und ihr Team vollbringen ein Wunder und nach einem fünfstündigen Marathon auf dem Friseurstuhl werde ich zurück in meine altbekannte Welt gebeamt.
Die Leute gehen auf einmal wieder an mir vorbei ohne sich die Köpfe zu verrenken.
Ihre Augen verweilen auf meinem Gesicht, sie erwidern mein Lächeln und reden normal mit mir.
Ich verurteile niemanden dafür, es war schließlich ein Unfall an dem man nicht vorbeisehen kann. Vermutlich verhalte ich mich manchmal auch nicht viel besser.
Manche Situationen überfordern einfach, das ist ok.
Das Wichtigste ist aber, dass man danach über seinen Schatten springt, die selbst ausgemalten Vorurteile beiseite fegt und den Menschen unabhängig von Gewicht, Hautfarbe, Körperlichkeit, Geschlecht oder eben der Haarfarbe, so akzeptiert wie er ist. Nämlich ein Mensch und menschlich sind wir nun mal alle.
Und darum ist das hier kein Hair Tutorial.
 
Back in Grey! (Und anscheinend von der Gesellschaft wieder anerkannt)


In diesem Sinne:

Stay Professional

 
Sehr professionell sind übrigens auch die Mädels vom Damensalon Schorde in Wipperfürth, die es geschafft haben die Haare wieder in optischen Normalzustand zu versetzen. Danke nochmal dafür! *knutsch*
 
 
 

 
 

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Filmreview Doctor Strange. Oder: Der Arzt, dem die Frauen vertrauen.


Wer mich kennt, der weiß dass meine Filmreviews mitunter etwas anders verlaufen. Und der weiß auch, dass ich Filme mit meinen Lieblingsschauspielern nicht immer automatisch gut finden muss.
Aber ich fange besser von vorne an.

Am 27.10.2016 ist der offizielle, deutsche Kinostart des Marvel Blockbusters „Doctor Strange“.
Da ich aber bei der Kombination „Superhelden und Lieblingsschauspieler“ nicht mehr zu halten bin, gehe ich am Abend vorher in eine der vielzähligen Preview Vorstellungen. Allerdings möchte ich den Film im Original Ton genießen.
Benedict Cumberbatch zu synchronisieren, fühlt sich für mich ungefähr so an, als würde man mit einem Ferrari mit 30 km/h über die Autobahn kriechen.
Nun ist es in Deutschland bzw. in der Region in der ich lebe, nicht gerade einfach ein Kino mit entsprechendem Angebot zu finden. Selbst im Umkreis von 60 km ist die Auswahl spärlich.
Es kommt mir fast so vor als würden die Kinobesitzer sich sagen:
„Nein, wir senden nur in Deutsch, das haben wir schon immer so gemacht!“
Ja, schön und gut. Vor 80 Jahren hat das vielleicht auch Sinn gemacht. Damals sind die Protagonisten aber auch noch in schwarzweiß und im Stechschritt über die Leinwand marschiert… Aber ich schweife ab.
Ich verfrachte den Ehemann ins Auto und los geht die Reise nach Köln, wo sich endlich eine Möglichkeit aufgetan hat. Im Kino angekommen, tritt das mehr als gut besuchte Foyer den Beweis an, dass auch Blockbuster im O-Ton inzwischen sehr gefragt sind.
Dummerweise hat dieses Filmvorführhaus ein kleines Manko.
Das Interieur ist, wie drücke ich es diplomatisch aus, etwas… malat.
Die Farbe der Deckenverkleidung im Foyer erinnert an eine durchgeweichte Windel, sofern sie überhaupt noch existent ist.
Der Kinosaal ist aber recht groß. Die Sitzplätze hingegen sehen aus, als wären sie aus einem etwas fragwürdigen Bahnhofsetablissement entfernt worden. Immerhin bestehen sie aus einhundert Prozent, abwaschbarem, schwarzen Kunstleder. Ich vermute, aus Gründen…   
Als ich mich hinsetze gibt der Sessel ein Geräusch von sich, das sich anhört als wäre ich gerade auf eine Katze getreten. Ich sacke nach unten und die Leinwand vor mir verschwindet zu dreißig Prozent hinter der Lehne meines Vordersessels.
„Sag mal, sind die Sitze im Kino ganz hinten normalerweise nicht immer höher?“, kommentiert meine Nachbarin sehr passend.
Tja, normalerweise werden in Deutschland die Filme ja auch nicht im O-Ton gezeigt.
Schöne Scheiße! Jetzt kann ich zwar Cumberbatchs honigweiche Stimme hören, dafür aber nichts sehen.
Die Rettung naht in Form eines Kindersitzes, den man sich im Seitengang abholen kann. Ich zögere keinen Moment. Die Sitze sind natürlich nicht für einen Erwachsenen Hintern gemacht, aber das ist mir jetzt egal. Ich bin doch schließlich nicht 60 km weit gefahren, nur auf die Halbglatze meines Vordermanns zu starren.
Der Ehemann hingegen kämpft immer noch mit der Beinfreiheit, die der Holzklasse im Ryanair Billigflieger, in keinster Weise nachsteht. Immerhin mussten wir für eine Portion Nachos dieses Mal nicht unser Haus verpfänden. Allerdings schmecken die auch so, als wären sie am Vorabend schon mal aufgewärmt worden. Und den Abend davor… und davor den Abend auch.
Das Licht wird gedämmt, die Werbung startet und mein Mann stößt plötzlich einen leisen Schrei aus.
Sollte ich nicht eigentlich das quietschende Fangirl sein?
Was hat der denn jetzt auf einmal?
„Alter! Auf mich ist gerade irgendwas drauf gefallen? Kam von Oben!“
Mein Blick wandert an die Decke, voller Angst, dass uns jetzt das halbe Gebäude unter sich begräbt. Doch es sieht alles stabil aus.
„Also ich will dich ja nicht beunruhigen, aber ich glaube das war ne Spinne“, erklärt der Ehemann und fängt an, seine Hosenbeine aus zu schütteln.
Nein,ich bin nicht beunruhigt. Ich bin panisch! 
Wenigstens sitze ich aufgrund des Kindersitzes so weit oben, dass meine Füße den Boden kaum berühren. Ich bilde mir ein, dass die Spinne sich deswegen lieber an die Füße des Nachbarn krallt, ihn während des Films einpuppt, sämtliches Blut aus dem Körper saugt um die Leere anschließend mit unzähligen Spinneneiern zu füllen. So machen die das doch, oder?
Da der Film aber jetzt anfängt werde ich tatsächlich von meinen Horrorvisionen abgelenkt und freue mich auf zwei Stunden voller Superhelden Action.
Doch das Marvel Logo sieht aus als hätte ich gerade 3 Flaschen Rotwein auf Ex geleert. Irgendwas stimmt da nicht.
„Eeeeey! Dat 3D is im Arsch!“, brüllt einer der Zuschauer.
Doch auch nach zwei weiteren Minuten wird es nicht besser und plötzlich bricht der komplette Film ab.
Na klasse! Das war es dann wohl mit dem schönen Filmabend.
Nach weiteren fünf Minuten Ungewissheit taucht plötzlich ein Mitarbeiter auf und informiert in sonorer Stimme, die sich so anhört als fände er es total toll, wenn endlich das Hanf legalisiert wird, dass es technische Probleme gibt.
Zehn weitere Minuten und endloses Starren auf eine Leinwand die aussieht als wäre der Blob darüber gelaufen, startet der Film erneut. Unter tosendem Applaus aller Anwesenden, denn das Bild ist endlich klar!
Ich lehne mich zurück und spüre erst jetzt, dass ich etwas nicht mehr spüre, nämlich meine Beine. Die Blutzufuhr zu selbigen hat der Kindersitz mittlerweile erfolgreich abgedrückt.
Aber das spielt jetzt auch keine Rolle mehr, denn die erste Szene, in der Doctor Strange himself vorkommt, ist eine Nahaufnahme auf Cumberbatchs Augen.
Chapeau Herr Regisseur!
Mein Hirn fällt aus meinem Kopf und landet irgendwo auf dem mit Popkorn verklebten Boden.
Das Leben ist schön!
Am Anfang stört es ein wenig, dass der Damen liebster Brite plötzlich mit amerikanischem Akzent spricht. Aber man gewöhnt sich tatsächlich recht schnell daran.
Schon in den ersten Szenen wirft Marvel die Zuschauer in eine Grafik voller atemberaubender Effekte. Ich gebe zu, dass man einiges aus dem Film Inception abgeschaut hat, aber warum nicht? Zumal man diese Effekte hier wirklich perfektioniert.
Viele von euch kennen sicherlich diesen letzten Part aus Stanley Kubricks 2001 Odyssee im Weltraum. So ein Zeug haben die Visual Effekts Meister bei Doctor Strange glaube ich auch geraucht. Nur im Gegensatz zu Kubrick waren sie nicht nur im Besitz von Alufolie und bunten Seifenblasen, sondern ausgestattet mit bester Software, die mir die Kinnlade herunterklappen lässt. Ich bin überwältigt von den Bildern, die mir trotz allem in keinem Moment zu abgedreht erscheinen. Und Doctor Strange macht Spaß!
Im wahrsten Sinne des Wortes.
Hatten die Filmemacher am Anfang noch davon gesprochen, dass dem Film Humor fehlen würde, hat man das Ruder definitiv in die richtige Richtung herumgerissen. Ich lache an vielen Stellen herzlich, und es ist eine pure Freude den Schauspielern zuzuschauen.  
Nicht nur Cumberbatch spielt überzeugend, nein auch Tilda Swinton, Mads Mikkelsen oder die wirklich sympathische Rachael McAdams liefern fantastische Arbeit ab.
Es gibt so viel über das ich hier berichten könnte, aber die Details in Worte zu fassen, würden zu viele Spoiler bedeuten.
Mein Rat an jeden: Wartet nicht, bis der Film auf DVD herauskommt. Doctor Strange muss man im Kino genießen, auch wenn es, wie in meinem Fall, eine nach Kinderkotze riechende Bruchbude ist.
Ich kann an diesem Film tatsächlich keinen Kritikpunkt finden. Bis auf eine kleine Sache: Der Film ist zu kurz! Ich hätte noch stundenlang in den Farben, Bildern, Slapstick Einlagen, Gefühlswallungen und vor allen Dingen in Cumberbatchs Augen verweilen können.
Und dieser Ausspruch sei dem Fangirl jetzt einfach mal gestattet: „Scheiße sieht der in dem Film gut aus!“
Aber der ultimative Test steht noch an. Der Ehemann gehört normalerweise zur Fraktion: - Fantasy Filme sind voll unrealistisch – (Ach was!). Voller Spannung erwarte ich sein Urteil.
Dann kommen die wichtigsten Worte des Abends: „Du, der war echt gut der Film!“
Jawoll!
Somit kann ich stolz verkünden: Doctor Strange ist offiziell Ehemann approved und bekommt hiermit dieses soeben erfundene Gütesiegel auf Cumberbatchs hübsche Nase gedrückt.  
Mit einer Sache kann ich aber nicht an mir halten. Und daher vorweg die große und rote Warnung:
SPOILER bezüglich des üblichen Marvel nach-erstem-Abspann-Clips.
(Wer gar keinen winzigen Hinweis (ich spoilere nicht die komplette Szene) lesen will, der hört jetzt auf und dem wünsche ich hiermit schon mal einen schönen Tag und bis zum nächsten Blogeintrag!)
Ehrlich!
JETZT AUFHÖREN ZU LESEN! ;-)
....
...
Es gibt Momente, da bekommt so ein Fangirl wirklich feuchte AUGEN!
Nämlich dann, wenn ein Cumberbatch (bzw. Doctor Strange) auf der Leinwand über Tom Hiddleston (bzw. Loki) spricht.
Vielleicht bedeutet dieser Ausschnitt, dass wir gegebenenfalls bereits in „Thor Ragnarök“ ein Zusammentreffen der Giganten für Östrogen Belastete erleben werden?
Es bleibt spannend!
In diesem Sinne: Stay Professional!

Montag, 22. August 2016

Convention auf Schloss Burg. Oder: Warum Gollum weg muss!



Schloss Burg.
Ein mittelalterliches Bollwerk im bergischen Land.
Geliebtes Wahrzeichen und Folterinstrument für unzählige Kinder.
Warum?
Nun, wer wie ich im bergischen Land aufgewachsen ist, der weiß wovon ich spreche.
Gefühlt jeden zweiten Sonntag ging es zusammen mit Omma und Oppa auf nach Schloss Burch, lecker bergische Waffeln essen und Kaffee aus der Dröppelminna trinken (nein, bei letzterem handelt es sich nicht um ein inkontinentes Hausmädchen, sondern um eine Art historische Kaffeemaschine).
Und so saß man im altbackenen Café, umringt von Eiche Rustikal, schaufelte sich tonnenweise Zucker in den Balg um anschließend durch die langweilige Münzausstellung des schlosseigenen Museums geschoben zu werden… zum gefühlten 3000sten Mal und glaubt mir, es sind keine neuen Münzen dazu gekommen.




Schloss Burg... wobei... was ist es denn nun? Schloss oder Burg? Aber eigentlich hat es ja geschichtlich was mit Berg zu tun... aber ich schweife ab.

Wie gesagt, als Kind war es nicht immer einfach auf Schloss Burg und trotzdem hängt mein Herz an diesem Schuppen. Das ist meine Kindheit, das ist Heimat und Vertrautheit.
Und dann passiert plötzlich etwas Magisches...
Ein Wochenende lang wird die Burg zum Traum für jeden Film und TV Fan. Zum ersten Mal findet hinter den Mauern die Mittelalter und Fantasy Convention statt.
Ich war zuerst sehr, sehr skeptisch. Immer mehr Veranstalter versuchen heutzutage die Fans mit neuen Events für sich zu gewinnen. Doch bei all dem Angebot musste ich oft mit erleben, dass Veranstaltungen im letzten Moment wieder abgesagt wurden.
So stellte sich auch hier die Frage: Würden die angekündigten Stars aus Herr der Ringe, Game of Thrones und Harry Potter wirklich erscheinen?
Ich wartete den ersten Veranstaltungstag ab. Einige Bekannte waren vor Ort, berichteten und das sehr positiv.
Also packte ich am Sonntag meine Freundin ins Auto und bei bestem, bergischen Regenwetter machten wir uns auf nach Mittelerde… äh Hogwards… äh… Solingen Burg.
„Winter is coming!“ oder in diesem Fall eher: „Et räänt!“ (wie man hier im Fachjargon sagt).
Trotz schlechtem Wetter ist die Veranstaltung überaus gut besucht. Überall tummeln sich Fans in wunderschönen Roben und Kostümen aus den jeweiligen Filmen und Serien.

Cosplayer
Die Beamten vom Bundesamt für magische Wesen kontrollieren ob alles rechtens zugeht und keine Drachen gequält werden.


Im Gegensatz zu mancher Convention in irgendeiner lieblosen Messehalle, hat die Veranstaltung auf Schloss Burg ein ganz eigenes Flair. Man ist plötzlich Teil einer fantastischen Gesellschaft in Mitten der echten Schloss Kulisse. Die Stimmung ist gut und bereits jetzt laufen einem die Stars an jeder Ecke über den Weg.
James Cosmo (Game of Thrones) steht ganz relaxt am Würstchenstand, Craig Parker (Herr der Ringe / Spartacus) lässt sich vom Falkner die Greifvögel erklären.

Craig Parker hat nen Vogel...




... der hier anscheinend auch ;-)


... of Currywurst

Zwischendurch gibt es immer wieder Panels bei denen sich die Stars den Fragen der Gäste stellen.
Nur leider ist das die größte Schwachstelle des Events. Als ich im Internet gelesen habe, dass die Panels in der Burgkapelle stattfinden, schlug ich die Hände über dem Kopf zusammen. In diesen Raum passen gerade mal 30 Leute… und das auch nur wenn Omma vorher keine 3 Waffeln gegessen hat.
Bereits am Samstag zeigt sich, dass dies bei so vielen Gästen einfach nicht funktionieren kann. Zum Glück reagiert der Veranstalter flexibel und verlegt diese Programmpunkte kurzum in das Museum.
Leider stehen dort immer noch einige Vitrinen, die man in der Kürze der Zeit vermutlich nicht verschieben konnte. Und so müssen einige Besucher das Geschehen durch die Ausstellungsstücke hindurch beobachten. Und nein… es sind immer noch keine neuen Münzen dazugekommen!



Auch gibt es weder Mikrofon noch Bühne, so dass die Leute weiter hinten leider fast gar nichts mehr mitbekommen. Wir haben Glück und ergattern noch einen halbwegs guten Stehplatz von dem aus wir das Panel von John Rhys-Davies (Herr der Ringe/Indiana Jones) und Craig Parker mit verfolgen können.
Die beiden sind ein wahnsinnig charmantes Duo und schaffen es, den vollen Saal wirklich gut zu unterhalten.

Anschließend schlendern wir über das Gelände.
Für das Eintrittsgeld bekommt man u. A. noch ein Ritterlager, diverse Verkaufsstände und eine Falknerei zu sehen.
Gegen einen kleinen Obolus kann man einen Greifvogel auf den Arm nehmen (Nein, damit meine ich nicht einen Uhu mit dämlichen Witzen über Klebemittel zu verarschen).
Ich verliebe mich in einen kleinen Kautz. Der ist wenigstens nicht so schwer wie die riesige Eule, die der Mann neben mir auf seinen Unterarm hievt.  

Stolzes (und verdammt großes) Tier

Da ist mir der kleine hier doch schon viel lieber

Als krönenden Abschluss mache ich noch ein Gruppenfoto mit John und Craig. Eigentlich sollte Gollum ebenfalls mit auf das Bild. Eine wirklich nett gemachte Statue, die den Fotohintergrund ausschmücken sollte, allerdings dabei nur im Weg steht. Craig Parker macht daher kurzen Prozess und schiebt den Ärmsten unter Beifall einfach aus dem Bild.

Gruppenfoto (und nein, das in der Mitte ist nicht Gollum!)

Die Stimmung ist wirklich entspannt und man hat zu jedem Zeitpunkt immer genug Zeit, einen kleinen Plausch mit den Stars zu halten.
Genau das hat mich wirklich beeindruckt. Es herrschte eine angenehme, intime Atmosphäre, die man bei größeren Conventions so nicht immer hat. Ich hoffe daher, dass der Veranstalter auch nächstes Jahr wieder etwas Magie in meine Heimat holt.
Ein bisschen umorganisieren was die Räumlichkeiten angeht (vielleicht die Autogrammstunde ins Museum verlegen, dafür die Panels unten in den größeren Raum) und ich bin sicher das Ganze wird ein Selbstläufer.
Es wäre wirklich toll, wenn es bei dieser kleinen, angenehmen Con Größe bleibt. Es muss ja nicht immer höher, schneller, weiter sein.
Und ganz ehrlich: Dieser Moment als Schauspieler John Rhys-Davies über die wunderschöne Location schwärmt, lässt mein Herz aufgehen.
Jep, dat is meine Heimat, mein bergisches Land.
In diesem Sinne:
Stay professional!


Autogrammstunde mit James Cosmo






Seilbahn zum Schloss... äh Burg... also Schloss Burg
Hier wollte ich eigentlich beweisen, dass die Sonne auch mal rausgekommen ist. Und schon rennt mir James Cosmo wieder ins Bild. Frecheit sowas. ;-)



 
Also gut... darauf habt ihr doch nur gewartet!
 
Und darauf auch! Sorry, aber das musste sein! Yummyyyyyy!


Amphi Festival 2016 (Teil 2). Oder: Warum das Beste immer zum Schluss kommt


23.07.2016  Tag 2



Dieser Moment, wenn du auf ein Festival gehst, Rammstein auf der Bühne stehen und du dich verwundert fragst seit wann Frontmann Till Lindemann eine Plauzte hat.
Doch dann verstehst du endlich, dass die Band „Stahlzeit“ so gut covert, dass du den Unterschied zum Original erst gar nicht bemerkt hast.
Aber ganz ehrlich, wenn da tatsächlich Rammstein auf der Bühne gestanden hätten, wäre der kleine Tanzbrunnen nach den ersten 3 Minuten in die Luft geflogen. Doch auch bei Stahlzeit züngeln die Flammen mitunter gefährlich nah an die Bühnendecke.
Aber es gibt keine gerösteten Goths am Spieß und so können nach der Umbaupause Mono Inc. die Bühne betreten.
Während ich dort so gemütlich stehe, erlebe ich zwei kuriose Begegnungen.

 


Da steht plötzlich eine zierliche Frau mit langen, schwarzen Haaren. Ich traue meinen Augen kaum, handelt es sich bei der Dame um niemand anderes als Tarja Turunen, ehemalige Frontfrau der Band Nightwish. Neben ihr ein hoch gewachsener Mann auf dessen Schulter ihr süßer Nachwuchs sitzt, der kleine Kopf mit riesigen Lärmschutzohren bedeckt.
Natürlich krame ich in diesem Moment nicht die Kamera heraus und halte drauf, sondern freue mich, dass die Sängerin von niemandem behelligt wird und einfach auch mal genießen kann.

Als ich weiter über das Gelände schlendere gerate ich aber plötzlich in eine ganz andere Situation. Eine Gruppe Männer steht fröhlich gelaunt beisammen. Einer löst sich aus der Truppe, kommt auf mich zu und drückt mir seine Kamera in die Hand. In gebrochenem Englisch mit osteuropäischem Akzent fragt er mich ob ich ein Foto von ihm machen könne.
Ich vermute, dass er und seine Kumpels ein Erinnerungsbild schießen wollen. Erst als ich durch den Sucher der Kamera blicke, kapiere ich was da vor mir passiert.
Da steht Alex Wesselsky, Sänger der Band Eisbrecher und vielen sicherlich bekannt als Autoexperte „Der Checker“ vom Testosteronkanal DMAX.
Ich würde sagen, so zufällig bin ich tatsächlich noch nie in eine solche Situation gestolpert. Wenn der Typ mich nicht angesprochen hätte, wäre ich an Wesselsky vorbei gelaufen… und ganz ehrlich, diesen Riesen kann man eigentlich nur seeehr schwer übersehen.
Wir flachsen ein bisschen miteinander und als ich ihm sage: „Jetzt müssen wir aber auch ein Foto zusammen machen.“ Antwortet er in seiner charmanten Art, die einer Moderation von Thomas Gottschalk in nichts nachsteht: „Junge Dame, müssen, müssen wir gar nix. Aber wir können gerne.“ Aaah ja.
Mit einem beherzten Griff an meine Hüfte postiert sich der 190 Meter große Hüne (ja, ich habe danach gegoogelt. Ich kann immer noch nicht glauben, dass es Websiten gibt auf denen man ausschließlich Körpergrößen der Stars erfragen kann)  hinter mir und die Erinnerung wird auf’s Handy gebannt.


Aber es gibt ja auch noch eine offizielle Autogrammstunde. Dort treffe ich auf Peter Heppner, der mich fragt ob ich auf mein Autogramm noch irgendwas Besonderes drauf haben möchte. Mir fällt natürlich auf diese Frage überhaupt nichts ein. Ich hätte ihn vielleicht nach dem Rezept seines Lieblingskuchens fragen sollen, stattdessen sage ich: „Kannst mir ja n Herzchen drauf malen.“ Er lacht, und zeichnet sofort was das Fangirl fordert.
Sympathischer Kerl.

Der Tag schreitet voran und nach dem Auftritt von Tarja Turunen steigt die Aufregung. Auch die Sängerin gibt Autogramme und ich fühle mich plötzlich wieder wie die 16-jährige die das allererste Mal Heavy Metal gepaart mit Operngesang gehört hat und seitdem nur noch eines im Sinn hatte: Selber Sängerin zu werden. Gut, mit der Oper hat es nicht ganz geklappt, mit dem Heavy Metal schon.

Als ich vor die zierliche Person trete sprudelt es förmlich aus mir heraus. Dass sie mein großes Vorbild ist, dass ich wegen ihr Sängerin geworden bin, dass ich dank meiner Bandsuche meinen Ehemann kennengelernt habe, dass ich selber Songtexte schreibe und und und.
Und währenddessen tut Tarja etwas, das ich nicht erwartet hätte. Sie legt den Stift beiseite, schaut mich an und hört mir konzentriert zu. Sie fragt nach was für Musik wir machen, nimmt sich richtig, richtig viel Zeit und dann steht sie auf und nimmt mich ganz fest in den Arm.
Wenn man mir vor 20 Jahren gesagt hätte, dass mir das mal passieren würde, ich wäre vollkommen durchgedreht.
Zum Glück bin ich aber keine 16 mehr und falle nicht in Ohnmacht, sondern gehe mit weichen Knien aber erhobenen Hauptes zurück aufs Festival Gelände.


Inzwischen hat der Headliner die Bühne betreten. „Blutengel“ (oder aber auch „Der Dieter Bohlen der Gothic Szene“ genannt) zieht mal wieder alle Register. Ich beobachte das Geschehen von hinten.
Ich glaube auf der Bühne führen sie gerade ein Theaterstück auf. Es geht um 3 Nonnen, die immer ganz viel beten. Und weil das Beten sooo anstrengend ist, wird denen dabei ganz heiß, weswegen sie sich bis auf die Unterwäsche ausziehen müssen. Ist ja auch ganz schön kräftezehrend diese Beterei. Daher rutscht einer Nonne anschließend auch noch der Becher mit dem Messwein aus der Hand und verteilt sich überall auf ihrem Körper. Ups! Ob die Flecken wieder rausgehen?
Ok. Ich gebe zu, das ist mir doch etwas zu viel Klischee auf einmal. Ich beschließe daher zur zweiten Bühne zu gehen und mir als Alternativprogramm bei „Front Line Assembly“ das Hirn aus dem Kopf zu dreschen.



Impressionen und Bands vom Samstag. Und ja... die Nonnen sind auch dabei (Aber ich sag euch nicht ab welcher Minute! Ätsch!):



24.07.2016  Tag 3

Den letzten Tag gehe ich ganz relaxt an. Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite und der Asphaltboden im Tanzbrunnen hat sich zu einer Grillplatte erhitzt. Ich ergattere einen der wenigen Schattenplätze und tanze zusammen mit den anderen Besuchern zu „Suicide Commando“ und „Covenant“. Eigentlich will ich mir auch noch den Headliner „The Editors“ ansehen, beschließe aber vorher noch einmal kurz beim Altmeister Joachim Witt vorbei zu schauen, dessen Auftritt parallel auf der zweiten Bühne stattfindet.
Nur ein bis zwei Songs ansehen, mal schauen wie es so ist.
So war der Plan. 
Und dann kommt es ganz anders...


Da steht dieser Herr, der zwischen jedem Song den größten Blödsinn quatscht („Ich war heute Morgen beim Arzt. Der sagt ich mach es nicht mehr lang, aber ich hab mir gedacht, den Abend heute zieh ich noch durch“)  und reißt mich vollkommen in seinen Bann.
Ich kenne kaum einen Song und doch bekomme ich von jedem eine Gänsehaut.
Die Texte beinhalten so viel Wahrheit, so viel Ironie, so viel Mut und offene Worte. Sie sprechen vom Meer, von Freiheit, von Grenzen die man sich selbst setzt, von Arroganz und Gier. Wahrheiten, die manchmal schmerzen.
Wenn ein Kapitän Schwandt singen könnte, er würde dort mit auf der Bühne stehen.
Und ich bleibe.
Nur noch einen Song… und noch einer… ach, den Song hier nehme ich auch noch mit.
Und dann spielt er „Die Flut“ und selbige breitet sich unaufhaltsam in meinen Augen aus. Für mich eines der epischsten, deutschen Lieder der letzten 20 Jahre.
Die Editors auf der Hauptbühne haben bereits ihr Konzert beendet und ich stehe immer noch hier bei einem Joachim Witt und hoffe dass er weiter spielt.
Und das tut er.
Mit dem berühmten „goldenen Reiter“ beendet er schließlich doch den Abend und ich bin um eine Erfahrung reicher.
Nicht alle Stars der neuen deutschen Welle sind auf die schiefe Bahn geraten und meinen ihren nackten Hintern im Dschungel Big Brother Camp in die Kamera halten zu müssen.
Ein Joachim Witt, live auf der Bühne definitiv empfehlenswert!
In diesem Sinne:
Stay professional!

Impressionen und Bands vom Sonntag:


Und Joachim Witt, nochmal als getrennter Zusammenschnitt, weil ich so fasziniert war. (Man entschuldige die manchmal etwas schlechte Videoqualität, aber wenn ich filme, dann immer von möglichst weit hinten damit ich keinem mit dem Handy vor der Nase herumfuchtel)

 
 



Montag, 8. August 2016

Amphi Festival 2016 (Teil1). Oder: Warum Goths nicht Pogo tanzen können


22.07.2016  Call the Ship to Port

 

Eines vorne weg…

An alle Fenstersimskucker und Kleingartensiedlungsinspekteure, die gerne die Vorurteile an den Flurputzplan nageln,  Goths würden nur auf Friedhöfen rum hängen, Katzen schlachten, mit nackten Brüsten Satan huldigen und kleine Kinder verzehren: ES IST ALLES WAHR!


So, wären wir die auch schon mal los, widmen wir uns jetzt also den interessanten Dingen.

Ende Juli war es wieder soweit. Das Amphi Festival fand im Kölner Tanzbrunnen statt. Schwarz gekleidete Menschen aus ganz Deutschland, Europa und sicherlich noch weiter, ließen sich die Sonne auf die noble Blässe scheinen. Wie fast immer hatte das Festival ein wunderschönes Sommerwochenende ohne Regen erwischt. Gut, die Luftfeuchtigkeit hätte eins zu eins mit dem Tropenhaus im Kölner Zoo mithalten können, aber immerhin roch es besser… meistens jedenfalls.

Kölsches Panorama
 

 Am Freitag ging es für mich bereits am Abend mit dem ersten Event los. „Call the ship to port“ heißt die kurzweilige Flusskreuzfahrt, die uns Goths mit einem schicken Schiffchen über den Rhein in Richtung Bonn transportiert.
Da an diesem Abend zwei meiner absoluten Lieblingsbands (Oomph! und Apoptygma Berzerk) auftreten, konnte ich nicht widerstehen und so stehe ich um 18 Uhr voller Spannung in der Warteschlange am Kölner Rheinufer.

Die MS Rheinenergie. Unser Kutter für den heutigen Abend.

Die Stimmung ist fröhlich, die Sonne scheint und ein Riesenarschloch, das in München meint auf Menschen schießen zu müssen, versucht uns allen den Abend zu verderben.
Ja, es fühlte sich zeitweise so an als hätte mir jemand verdorbenen Pudding in den Magen gekippt.
Ich überlegte tatsächlich ab zu brechen und nach Hause fahren. Nach solchen Ereignissen trotzdem feiern?
Aber das Leben und die Freiheit wegen solcher, nach Aufmerksamkeit gierender Versager ein zu grenzen, sollte für Niemanden von uns eine Option sein. Und genau aus diesem Grund gehe ich hier auch nicht weiter auf diese Sache ein.
Es reicht mir einfach!

Schwarzfahrer

Gegen 20 Uhr legt das Schiff unter tobendem Beifall der Gäste ab. Von der Hohenzollernbrücke aus, winken uns einige Fußgänger irritiert zu. Anscheinend wirken wir auf sie wie eine Trauergemeinde auf LSD.
Bei jeder Brücke grölt die Meute was das Zeug hält, schallt es doch immer so lustig von den Brückenpfeilern zurück.
Ich genieße die Zeit in der Sonne und beobachte den Sonnenuntergang hinter den futuristischen Kranhäusern von Köln.
 
Wohnt Podolski eigentlich immer noch da?

Um 21.10 Uhr steht dann der erste Programmpunkt unter Deck an.
Oomph! betreten die Bühne.
Ok, sofern man das Bühne nennen kann. Würde man eine Pappkartonwand davor stellen, könnte man darauf Kasperle Theater spielen.
Aber ganz ehrlich: Wie geil ist das denn bitte?
Die Lieblingsband so nah vor sich zu haben, das kann man nicht alle Tage erleben.
Ich genieße den Auftritt und versuche zurück zu rechnen wann ich die Jungs zum ersten Mal Live gesehen habe. Als meine Finger dafür nicht mehr ausreichen versuche ich die Wahrheit zu ignorieren, ähnlich wie die ersten grauen Haare auf meinem Kopf.

Oomph! jedenfalls haben sich gut gehalten und präsentieren uns ein buntes… äh… schwarzes Potpourri aller Songs der bisherigen Bandgeschichte. Es macht einfach nur Spaß und hin und wieder wirft mich die hüpfende Menge aus meiner super Position in der dritten Reihe.
Ok… ich glaube man hat versucht Pogo zu tanzen. Aber wir Goths sind für Pogo einfach zu lieb. Da wird die wall of death eher zu einer wall of „oh ich brems lieber schnell ab bevor ich einem weh tu“. Ich mag diese Leute.


Nach Oomph! (Herrgott ja, das Ausrufezeichen gehört zum Namen du dusselige Grammattikprüfung) gönne ich mir eine Pause und ein Kaltgetränk an Deck.
Das Schiff fährt durch ein Meer aus Lichtern der Raffinerien von Wesseling. Es ist als würden hier die größten Weihnachtsbaumketten der Welt produziert. Der Anblick ist so unwirklich und faszinierend, dass ich darüber die Zeit vergesse. Zu spät fällt mir auf, dass in nur wenigen Minuten Apoptygma Berzerk auf der Bühne stehen.
Verdammt!

Dampf und Lichterfabrik

Als ich unter Deck sprinte ist mein toller Platz vorne bereits vergeben. Aber zum Glück ist der Konzertraum nicht wirklich groß, daher habe ich auch in der Mitte hervorragende Sicht.
Dennoch ärgert es mich ein bisschen den Frontmann Stephan Groth nicht direkt vor der Nase zu haben.
Er hat irgendwie etwas von einem manisch depressiven Koalabären. Niedlich oder?
(Ihr braucht euch nicht zu verstellen. Ich kann eure „was zum Henker?!?!?“ Gesichtsausdrücke förmlich spüren)

Hallo hier! Hier! Ich bin hier hinten! Hallooooo!

Als ich das Schiff um Mitternacht wieder verlasse, lege ich mir das neu erworbene Apop-T-Shirt über die Schultern und genieße die laue Sommernacht. Am Rheinufer flanieren Menschen, es riecht nach Shisha, alle genießen das Leben friedlich und gemeinsam unter ein und demselben Sternenhimmel.
Warum kann es nicht immer so sein? Es ist doch so leicht?

Ob die Herrn Groth wohl heimlich da drin transportieren? *Klopf, kopf*



Eine Sache tröstet mich: Vor mir liegen noch zwei weitere Tage Amphi Festival. Und was da so passiert ist, darüber berichte ich beim nächsten Mal.
Bis dahin:

Stay Professional!

 


P.S. Wer schauen möchte was meine Lieblingsbands, deren Namen so klingen als hätte jemand beim Tippen die Tastatur unter Strom gesetzt, an dem Abend so auf die Bühne gebracht haben, hier ein Zusammenschnitt meiner Videos. Hach… ich könnt schon wieder. *seufz*