Samstag, 1. Juli 2017

Müttergedöns. Oder: Eigentlich wollte ich doch…


Hätte, hätte Fahrradkette.
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wäre.
Würde, könnte, wollte…


Ich sag mal so.
Eines wollte ich auf jeden Fall definitiv: Irgendwann mal Mutter werden.
Aber im Zusammenhang damit gab es so viele Vorsätze, die sowas von in die Toilette gefallen sind, just in dem Moment wo man die Spültaste bestätigt hat.

1) Eigentlich wollte ich doch nie in Mütter Foren posten.

Verdammt! Und dann habe ich es doch getan. Zu Beginn der Schwangerschaft. Da war ich noch naiv, glaubte an das Gute im Menschen und stellte eine belanglose Frage. Ergebnis war, dass ich von einer Stampede von Übermüttern, die vermutlich gestern gerade das zwölfunddrölfste Kind rausgedrückt haben, überrannt und niedergemacht wurde.
Mein lieber Herr Gesangsverein. (Die Fragestellung war übrigens, ob man dem Arbeitgeber ggf. schon vor Beendigung der kritischen, 12. Woche über die Schwangerschaft unterrichten sollte. Holla, ich wusste ja nicht, dass ich mit solch einer Frage direkt den dritten Weltkrieg auslöse.)

2) Eigentlich wollte ich doch Sport treiben.

Haha! Sag das mal deinem Kopf, der gerade hauptsächlich damit beschäftigt ist dem Magen einzutrichtern, dass er jetzt endlich mal Ruhe geben soll und doch bitte das soeben zu sich genommene Essen, nicht wie ein trotziges Kind in die Ecke pfeffern möchte. Im Schatten dieses Zweikampfs, freut sich der innere Schweinehund und breitet sich so richtig gemütlich aus.

3) Eigentlich wollte ich doch eine taffe, Schwangere sein, die sich tapfer bis zum Beginn des Mutterschutzes ihrem Arbeitgeber bis zum letzten Atemzug zur Verfügung stellt.

Und dann merkt man plötzlich, wie leichtfertig man in den vergangenen Jahren mit Medikamenten jongliert hat. Hier ne Migräne Tablette, da Kortison, dort was gegen Übelkeit, hier was gegen Erkältung, etc. pp.
Alles von heute auf morgen TABU. Der Entzug kommt einen vor wie diese Szene aus Trainspotting wo Ewan McGregor in seinem Bett liegt und das Baby an der Zimmerdecke über ihm krabbelt.
Und so kommt es dann, dass man sich ohne entsprechende Drogen plötzlich mit akutem Nesselfieber und wässrigen Quaddeln am ganzen Körper in eine gallertartige Qualle verwandelt und außer auf dem Bett liegen und Atmen, nichts mehr zustande bekommt.
„Aber keine Sorge Chef… ich komm morgen schon wieder… ganz bestimmt! *röchel*“
(Man was hat meine Ärztin wieder herzlich gelacht)

4) Eigentlich wollte ich doch keine Mütter verprügeln, die mir die ganze Zeit davon erzählen wie toll es ihnen doch in der „Kugelzeit“ ging, und wie sehr sie es doch genossen haben schwanger zu sein.

Ok, noch hab ich mich zusammengerissen. Aber Freunde,... was nicht ist kann ja noch werden.

5) Eigentlich wollte ich doch so lange ich noch kann, sämtliche Partys der Umgebung stürmen.

Spätestens um 21:00 Uhr sagt mein Transportmittel namens Körper: „So, husch husch in die Falle.“
Nein, eigentlich sagt er es nicht. Er nimmt einfach einen klobigen Holzhammer und schlägt mir damit so fest auf die Birne, dass ich froh bin es überhaupt noch bis ins Bett zu schaffen.
Und immer dran denken: Red Bull verleiht zwar Flügel, aber wenn das eigene Kind nicht im Alter von 2 Jahren schon ein Trash und Speed Metal Fan werden soll, der seiner Lust 24h am Tag frönt, der sollte Energy Drinks in der Schwangerschaft tunlichst unterlassen.  

6) Eigentlich wollte ich doch keine gebrauchte Sachen kaufen.

...da ich aber kein Millionär bin und zudem seit einiger Zeit verstanden habe, dass die Asiaten einen perfiden Plan entwickeln und uns Europäer mit Chemieverseuchten Babyklamotten auslöschen wollen, greife ich doch gerne auf Sachen zurück, die den Chemiecocktail bereits in Waschmaschinen anderer Mütter versprüht haben.

7) Eigentlich wollte ich mich doch nicht in der Schwangerschaft beschweren.

Ganz ehrlich: Trotz Allem freue ich mich wahnsinnig. Verdammt, da sind lustige kleine Beinchen und Ärmchen in meinem Bauch drin. Die kitzeln einen von innen und sehen so drollig aus und sind einfach nur liebenswert und überhaupt… (hier bitte bunten Glitzer und Herzchen in den Augen einfügen. Ja, glaubt es oder nicht, aber es ist wirklich so!)

8) Eigentlich wollte ich doch nie über Baby und Müttergedöns bloggen.

…. Ach leck mich doch!

In diesem Sinne:

Stay Professional! (18. SSW)

...eigentlich wollte ich doch keine Bilder von der Plautze posten.



Freitag, 23. Juni 2017

NiNe. Oder: Warum 50 Shades of Grey nicht im Weltraum spielt

Für meinen Mann gibt es vier Kategorien von Filmen, die er selber aufgestellt hat:

- Autofilme
- Schießfilme
- Knutschfilme
und
- unrealistische Filme.

Ok. Seit einer etwas schwer verdaulichen Abhandlung über 50 verschiedene Grautöne, ist noch eine weitere Kategorie hinzugekommen:

- Popo-Klatsch Filme

Drei Mal dürft ihr nun raten zu welcher Kategorie er meine Lieblings Genres Science Fiction und Fantasy zählt. (Also bitte. Ich weiß ja nicht in welcher Schmuddel Videothek ihr unterwegs wart, aber es sind definitiv nicht die Popo-Klatsch Filme. 50 Shades of Grey im Weltraum. Ich bitte euch. Bindet Christian Grey seine Olle da auf nen Photonentorpedo anstatt ans Andreaskreuz?).

Ja es sind diese Momente in denen ich gebannt vor dem Fernseher sitze, mir vor Spannung auf die Unterlippe beiße und hoffe, dass das Ende der Welt doch noch durch den mutigen Raumschiffpiloten abgewendet wird. Und dann höre ich dieses leise Schmalzen von dem Sitzplatz unmittelbar neben mir.
Es hört sich so an, als würde jemand versuchen ein Stück Mettwurst aus den Zahnzwischenräumen zu pulen. Doch in Wahrheit ist es ein Laut der Verachtung.
„Unrealistisch. Totaaaaaler Quatsch.“
Er spricht die Worte nicht aus, aber das Zischen der Zähne gräbt sich wie ein rostiger Pfeil direkt in mein Kleinhirn und löst einen unmittelbaren Reflex aus.
Das Ballen einer Faust.

Es ist schwer verdaulich, aber in solchen Momenten wird mir schmerzhaft bewusst: Du hast einen NiNe geheiratet. Einen Nicht-Nerd.
(Ich hätte es auch Nicht-Geek nennen können, hatte aber Angst, dass die Abkürzung NiGe irgendwie in den falschen Hals kommt… Aber ich schweife ab)

Aber ich habe meine Faust wie immer unter Kontrolle und rede mir Mantra-artig ein:
Der kann nix dafür. Dat muss die Erziehung schuld sein.

Ich gebe zu, ich habe schon Vieles versucht um ihn auf die fantastische Seite der Macht zu ziehen.
So manches Mal stand ich, das Manifest der Obersten Direktive auf Brusthöhe haltend vor unserer Haustür, klingelte und teilte dem Ehemann dann mit verklärtem Gesichtsausdruck mit:
„Entschuldigen Sie bitte. Ich möchte gerne mit Ihnen über StarTrek sprechen.“

Und liebe Nachbarn, es ist nicht gerade hilfreich, dass ihr jedes Mal, wenn ich mich morgens im Cosplay auf den Weg zu einer Convention mache, dem Ehemann kleine Visitenkarten vorbei bringt, auf denen in dezenten Versalien steht: „Machen Sie Sich Sorgen um den geistigen Zustand Ihrer Ehefrau? Dann wenden Sie Sich jetzt vertrauensvoll an Professor Doktor Schraubelocker.“

Ich weiß ja, dass es bei uns auf dem Dorf nicht gerade üblich ist mit Laserschwert und Jedi Umhang aus dem Haus zu gehen, aber ich beschwer mich ja auch nicht, wenn ihr meine Aussicht mit euren Ballonseiden Trainingsanzügen blockiert.

Hier lese ich übrigens nicht aus Ali Baba und die 40 Räuber vor, sondern zitiere aus dem NiNe Beitrag, im Rahmen eines Vortrages auf der FedCon (Science Fiction Convention).
Einmal wie Torsten Sträter den Vorlese Onkel (äh Tante) spielen. Individuell,...kann ich! ;-)
Foto by: Oti Würtz




Aber zurück zu dem NiNe.

Was ich einfach nicht verstehe ist: Wie kann jemand, der bei Harry Potter permanent die Augen verdreht, gleichzeitig auf eine Serie stehen, in der ein hochgewachsener Mann in Lederjacke und 80er Jahre Minipli, ununterbrochen mit seinem Auto redet?
Der Ehemann macht es sich einfach und schiebt diesen Sonderfall einfach in die Kategorie "Autofilme".
Lieber K.I.T.T.: Du kannst verdammt glücklich sein, dass du nur bis in den zweiten Stock springen kannst. Würdest du es mit dem Turbo Boost bis in den Weltraum schaffen, hättest du dich sofort disqualifiziert. Ich wollt‘s nur mal gesagt haben.

Aber er gibt sich ja Mühe. Das muss ich zugeben.
Wenn ich mal wieder quengelnd vor ihm stehe und ihn bitte mich ins Kino zu begleiten, dann lässt er sich tatsächlich hin und wieder breitschlagen. Er war sogar mit mir im Film „Star Trek. Into Darkness“. Selbst das Schnalzen hat er sich verkniffen. War aber auch besser so, schließlich trug er an dem Abend ein rotes T-Shirt. Ich hab mal nix gesagt...

Was mich aber noch mehr verblüffte war, dass er sich die Schauspieler tatsächlich so gut eingeprägt hatte, dass er Wochen später Zachary Quinto in einem anderen Film wiedererkannte.
„Kuck mal! Das ist doch der Schpock?“

Man soll ja auch Kleinigkeiten loben, anstatt sofort den Fehler zu kritisieren. Aber wie bringe ich ihm jetzt bitte noch bei, dass es sich um einen Vulkanier und nicht um die neueste Flohmarkt App handelt?

Und dann die Sache mit meiner absoluten Lieblingsserie „Doctor Who“. Wer kennt sie nicht, diese eine Frage, die sich so anfühlt als würde man mit dem Gesicht voran gegen eine Betonwand rennen. „Aber ich dachte in England sind die Telefonzellen alle rot?“ 

Oder:

„Wie heißt die Serie?“
„Doctor Who“
„Wer?“
„Who“
„Wer heißt so?“
„Der Doctor“
„Welcher Doctor“
„Doctor Who“
"Wer?”
Aaaaargh!

Dennoch, trotz all dieser Diskrepanzen in unserer Freizeit- und Kulturgestaltung kann man sagen:  Gegensätze ziehen sich an. Und ehrlich gesagt würde ich diese kleinen Streitereien schmerzlich vermissen. Ich liebe meinen NiNe halt so wie er ist.


In diesem Sinne:
Stay professional!


P.S. Und falls ihr die Hälfte der Gags in diesem Blogeintrag nicht verstanden habt, dann dürft auch ihr euch jetzt mit stolzer Brust den Button "NiNe" an Selbige heften.
Ich mag euch trotzdem! Ehrlich!



Sonntag, 12. Februar 2017

Torsten Sträter. Oder: Ode an ein Unterhemd

Wenn das mit Blut, Öl und Schweiß getränkte Feinrippunterhemd von Bruce Willis sprechen könnte, es hätte die Stimme von Torsten Sträter. Es ist diese tiefe Klangfarbe, die sich anfühlt wie geschmolzener Käse, auf dem sich im Ofen bereits eine hauchzarte Kruste gebildet hat… aber ich schweife ab.
Tatsache ist: Torsten Sträter ist mein Idol!
Das meine ich ernst!
Als ich das erste Mal von ihm gehört bzw. gelesen habe stand für mich fest: „Ich will so sein wie der!“
Ok, ... also kein bärtiger Mann mit Mütze und Schilddrüsenproblemen. Ich meinte damit eigentlich die Eloquenz, mit der er mich mit seinen Texten immer wieder fesselt.
Der Typ hat es einfach drauf und schafft es trotzdem, nicht jene, überhebliche Art an den Tag zu legen, wie mancher Poetry Slammer, der einem zuweilen die exotischsten Satzpartikel an den Kopf ballert, die meine Omma selbst als Kreuzworträtselprofi nicht gekannt hätte.
Mein Blog klingt gegen Sträter wie ein Teletubby, der verzweifelt versucht zu erklären, dass er jetzt gerne Erdbeerpudding essen möchte.
 
Hat der da ein Herzchen draufgemalt?!?! EIN H.E.R.Z.C.H.E.N?!?  Awwwww!

 
Gestern Abend durfte ich Sträter zum allerersten Mal Live erleben und es war, um es in meinen Worten auszudrücken, MEGA GEIL! Ich bin froh, dass ich einen gut trainierten Beckenbodenmuskel habe, sonst hätte der ein oder andere Lachanfall ein Malheur ausgelöst, von dem die Putzfrau der Veranstaltungsstätte in Wermelskirchen noch lange berichtet hätte.
 
 
Bester Spruch des Abends (dabei kann ich mir sonst nie sowas merken). Zitat:
 
"Sie wohnen ja schön ländlich hier. Als ich am Ortseingangsschild vorbei gekommen bin stand da Pferdeboxen. ... ... Und ich find doch Hundekämpfe schon schlimm."
 
- Torsten Sträter-
 
Nach dem Auftritt kommt es dann zu meinem ersten Zusammentreffen mit dem Meister.
Es ist der Moment, in dem ich so viel sagen will, in dem ich ihm vor die Füße fallen und Lobeshymnen rezitieren möchte, die nicht annähernd beschreiben können wie genial ich ihn finde.
Aber auf mein Selbstbewusstsein ist wie immer Verlass...
Als ich vor ihm stehe schrumpft mein Sprachschatz auf den eines Einjährigen zusammen und ich bin froh, dass ich wenigstens meinen Namen zustande bekomme.
Egal!
Er hat mein Buch signiert, ich habe die gleiche Luft geatmet (was dann irgendwie doch etwas seltsam klingt, insbesondere wenn selbiger Held zuvor einen sehr langen Vortrag über Flatulenzen gehalten hat) und ich habe mich nicht vollkommen blamiert. Glaube ich zumindest.
 
In diesem Sinne
Stay Professional
Der bemützte Mann vor mir muss grad was unfassbar lustiges gesagt haben. Vermutlich hat er mich einfach nur nach meinem Namen gefragt.. ich erinnere mich an nichts mehr.
 

Sonntag, 5. Februar 2017

Greenhorn. Oder: Warum das hier kein Hair Tutorial wird.

05.02.2017

Es gibt Dinge, die sollte man einfach nicht tun.
Dazu gehören unter anderem:
Kochendes Wasser trinken, mit 150 Km/h vor eine Betonwand fahren oder aber mit einer Gabel in einer Steckdose herumporkeln.
Das kann man machen, man sollte sich aber nicht wundern, wenn es einem danach körperlich nicht ganz so gut geht.
Ich bin da ja eher der Skeptiker.
Was, wenn das alles nur fantastische Horrorszenarien der Lügenpresse sind?
Was wenn es gar nicht so schlimm ist?
Jene Art von Skepsis, gepaart mit einem Schuss Abenteuerlust, hat schon in meiner Kindheit dazu geführt, dass die Herdplatte erst dann als tatsächlich heiß anerkannt wurde, wenn die Haut der Handinnenfläche daran kleben geblieben ist. Da konnte Mutter vorher noch so viel predigen.
Ähnliche Neugier verleitete mich in meiner Jugend im Übrigen auch dazu diverse Elektrogeräte genauer unter die Lupe zu nehmen.
Wie konnte es sein, dass aus einem Walkman Musik kam? Wie funktionierte das?
Mein Physiklehrer hätte mir noch tagelang die besten Folgen der Knoff Hoff Show vorführen können. Meine Meinung war: Joachim Bublath lügt und ich glaube es erst, wenn ich es mit meinen eigenen Augen gesehen hatte.
Also wurde das gute, alte, mobile Kassettenabspielgerät schneller in alle Einzelteile zerlegt als meine Eltern mir den Hintern hätten versohlen können.
Doch diese Art der Strafe war gar nicht nötig, saß ich doch am Ende vor einem Schrauben- und Platinenhaufen, gegen den die Einzelteile einer Ikea Kommode wie eine gut sortierte Bibliothek wirkten. Niemand konnte das Ding wieder zusammensetzen. Nicht mal der Radio- und Fernsehtechniker.
 
Aber aus Fehlern lernt man… Sollte man meinen.
Man sollte auch meinen, dass ich inzwischen eine erwachsene Frau bin. Tief im Herzen bin ich aber immer noch das zwölfjährige Mädchen, das dem Papa Sekundenkleber auf die nagelneue Schreibmaschine geschmiert hat um zu testen ob seine Finger daran klebenbleiben (aber das ist eine andere Geschichte).
So kam es also, dass ich eines Morgens im Badezimmer stand und mir dachte: "Was passiert eigentlich, wenn ich mir diese quietschblaue Farbe in meine frisch blondierten Haare schmiere?" Nun was soll ich sagen. Es sah tatsächlich ganz gut aus. Für die ersten drei Sekunden in denen die Farbe meine Haare touchierte. Dann mutierte das Blau plötzlich zu einem Chemieunfall-Grün und mein Gehirn, dass nur wenige Zentimeter unter dem Haaransatz plötzlich befürchtete bleibende Schäden zu erleiden, stieß eine letzte Warnung aus. Ich gehorchte. Bevor die Haarfarbe sich überhaupt richtig verteilt hatte, wurde sie schon wieder abgespült. Ob ihr es glaubt oder nicht, das Resultat sah eigentlich ganz gut aus!
Ehrlich!
Ein pastelliger Ton schmückte meinen Haaransatz, eigentlich genau das was ich mir erhofft hatte. Dummerweise erstreckte sich dieser Farbton nur über Teile meines Haupthaars, da ich die restlichen Strähnen vor Schreck gar nicht erst eingefärbt hatte.
Ich hatte nun also einen pastellblau-grün-gefleckten Leopardenkopf.
Nach fünf Haarwäschen und keinerlei Veränderung wurde mir bewusst, dass diese Idee mit den bunten Haaren irgendwie doch nicht die beste war.
Aber was nun? Selber daran weiter fummeln oder doch lieber jemanden kontaktieren, der sich damit auskennt.
Ich entschied mich für die zweite Variante… und machte damit einen kleinen Chemieunfall zu einer nuklearen Katastrophe.
Das zwölfjährige Mädchen in mir wurde trotzig und der falsche Stolz ließ  nicht zu, dass ich zu meiner Stammfriseurin ging.
Was sollte die denn von mir denken?
Nein, einfach heimlich woanders hin, dann fällt das nach drei Wochen bestimmt gar nicht mehr auf. … Dachte ich.
 
Im Ausweichsalon sah man mich an als hätte ich zu viele bewusstseinserweiternde Substanzen zu mir genommen. Dabei fand ich die Farbe ansich doch eigentlich richtig cool! Ich wollte sie nur gleichmäßig auf meinem Kopf verteilt haben.
Das schien für die Mitarbeiter dort aber ein Ding der Unmöglichkeit. Mir wurde ein zweistündiger Vortrag gehalten wie blöd ich doch war und dass diese spezielle Farbe, nie wieder raus zu bekommen sei.
Alternative wäre: Haare dunkel färben oder „wat knalliges drüber“.
Das war die falsche Aussage, denn wer mich kennt der weiß: Bei bunt und knallig leuchten glitzernde Herzchen in meinen Augen.
 
„Pass auf, isch tu dir da blaue Strähnschen drauf machen“, sagt die Dame im Ausweichsalon und dann nimmt das Unglück seinen Lauf. Während ich in meiner Fantasie noch von wellig, blauem, Prinzessinnen-Mermaid Hair träume, färbt sie etwas auf meinen Kopf, das mein Leben auf eine drastische Art verändern sollte.
Im ersten Moment sieht es sogar noch ganz nett aus, doch als ich ans Tageslicht trete, scheint es als hätte man mich in eine Parallelwelt gebeamt.
Irgendetwas ist anders. Meine Mitmenschen verhalten sich ...seltsam.
Ich wechsle wirklich ständig meine Haarfarbe und habe schon die verrücktesten Farbkombinationen ausprobiert, aber noch nie, NOCH NIE (!) sah ich aus wie ein Schalke 04 Streifenhörnchen auf einem LSD Trip!
Darauf kommt mein Umfeld irgendwie gar nicht klar. Es sind lächerliche zwei Minuten, die ich vom Friseursalon bis zur nächsten Bäckerei brauche.
Zwei Minuten in denen ich ein letztes Mal das Gefühl habe, irgendwie cool aus zu sehen.
Es ist der Moment als die Bäckereifachverkäuferin aufblickt und vor Schreck fast kopfüber in die Teilchenauslage fällt.
„Ach du Scheiße! Sind das ihre echten Haare?“
In meinem Herz zerbricht irgendetwas, aber ich schlage mich wacker. Ich wollte es bunt, also stehe ich auch dazu. 
Wenn man die alternativen Fakten betrachtet, sieht das hier wunderschön aus! :-)



Doch die Blicke meiner Mitmenschen werden plötzlich wie von einem viel zu starken Magneten angezogen.
Sie blenden alles, was mich ausmacht aus.
Sie übersehen mein freundliches Lächeln, überhören wie ich sie begrüße.
Sie nehmen nur noch das grünblaue Desaster auf meinem Kopf war.
Und ihre Blicke spiegeln etwas wieder, dass ich so noch nie so intensiv am eigenen Leib zu spüren bekommen habe.
Verwunderung, Entsetzen, … Abschaum.
Das Einzige was sich an mir verändert hat ist meine Haarfarbe und doch scheine ich plötzlich jemand ganz anderes zu sein.
Ich bin eine verwirrte Frau, die auf einmal nicht mehr ernst genommen wird.
Ich bin eine Person, die irgendetwas Zwielichtiges im Schilde zu führen scheint.
Ich bin ein Mensch den man nicht mehr ernst nehmen muss.
Ich bin der Teil der Gesellschaft, den man ab jetzt respektlos behandeln kann.
 
In den darauf folgenden Tagen passieren seltsame Dinge.
Im Restaurant werde ich als letztes bedient. Während der Kellner sich höflich mit meiner Begleitung unterhält werde ich nur sporadisch angesprochen. Es scheint fast so als hätte man Angst, dass ich irgendeine ansteckende Krankheit habe.
Die Kassierer/innen im Supermarkt lächeln mich nicht mehr an. Betrete ich ein Geschäft drehen sich Leute ungeniert nach mir um und glotzen mich an wie Rehe, die nachts im Scheinwerferlicht eines Autos auftauchen.
Doch ich will das jetzt durchziehen. Verdammt es sind meine Haare und niemand hat mir vorzuschreiben wie ich rumlaufen soll. Leben und Leben lassen. So schwer kann das doch nicht sein?
Aber es ist schwer.
Jeden Tag potenziert sich die Anzahl der abwertenden Blicke.
Sie reiben über meine Haut, wie grobkörniges Schleifpapier. Anfangs halte ich es noch aus, aber nach ein paar Tagen entzündet sich diese Haut. Die Blicke beginnen zu schmerzen, sie reißen plötzlich Wunden auf und gönnen mir keine Erholung um diese wieder gesund zu pflegen.
Minütlich werde ich konfrontiert von Leuten, deren Gesicht offen wiederspiegelt was sie von mir halten und welche Meinung sie sich gerade von mir bilden. Verschwindend gering ist die Anzahl der Menschen, die mir einfach offen sagen, dass sie es scheiße finden, danach aber weiterhin normal mit mir umgehen. Das ist ok! Damit kann ich leben. Meine Güte, es sind schließlich grüne Haare. Natürlich findet die nicht jeder toll.
Und da wird mir plötzlich bewusst, was ich gerade tatsächlich erlebe.
Ich habe nur grüne Haare, aber wie fühlen sich diese bewertenden Blicke erst an für jemanden, den die Gesellschaft aufgrund seines Gewichtes nicht anerkennt?
Wie fühlt es sich erst an für jemanden, der wegen seiner Hautfarbe, Herkunft oder Religion sofort als gefährlich eingestuft wird?
Wie fühlt es sich erst an für jemanden, der wegen einer Behinderung als lästig oder störend empfunden wird?
Und ich? Ich habe lediglich grüne Haare und gebe bereits nach wenigen Tagen auf.
Das Selbstbewusstsein immer und immer wieder beleben zu müssen, wenn es erneut von einem Vorurteil niedergeknüppelt wurde, ist verdammt anstrengend.
Wie ein geschlagener Hund beichte ich meiner Friseurin das Malheur.
Innerlich bereite ich mich bereits auf einen Kurzhaarschnitt vor, aber sie und ihr Team vollbringen ein Wunder und nach einem fünfstündigen Marathon auf dem Friseurstuhl werde ich zurück in meine altbekannte Welt gebeamt.
Die Leute gehen auf einmal wieder an mir vorbei ohne sich die Köpfe zu verrenken.
Ihre Augen verweilen auf meinem Gesicht, sie erwidern mein Lächeln und reden normal mit mir.
Ich verurteile niemanden dafür, es war schließlich ein Unfall an dem man nicht vorbeisehen kann. Vermutlich verhalte ich mich manchmal auch nicht viel besser.
Manche Situationen überfordern einfach, das ist ok.
Das Wichtigste ist aber, dass man danach über seinen Schatten springt, die selbst ausgemalten Vorurteile beiseite fegt und den Menschen unabhängig von Gewicht, Hautfarbe, Körperlichkeit, Geschlecht oder eben der Haarfarbe, so akzeptiert wie er ist. Nämlich ein Mensch und menschlich sind wir nun mal alle.
Und darum ist das hier kein Hair Tutorial.
 
Back in Grey! (Und anscheinend von der Gesellschaft wieder anerkannt)


In diesem Sinne:

Stay Professional

 
Sehr professionell sind übrigens auch die Mädels vom Damensalon Schorde in Wipperfürth, die es geschafft haben die Haare wieder in optischen Normalzustand zu versetzen. Danke nochmal dafür! *knutsch*